Unlearn Racism

Aktualisiert: 8. März 2021

ESSAY - Öffentlicher Protest ist kaum möglich und Rassismus macht vor einer Pandemie leider keinen Halt - und jetzt? Zeit nutzen und entlernen.

Foto @davidschmelzer


Was ist die Auslagerung von Produktionsstätten in Länder mit geringem Einkommen und hohem Hang zu Menschenrechtsverletzungen anderes, als Neokolonialismus?

Wie kann es sein, dass ein Land wie die Schweiz oder Belgien für ihre Schokoladen bekannt sind? Länder, die keine einzige Kakaoplantage haben. Während Ghana, der zweitgrößte Exporteur von Kakao, jährlich zwei Milliarden Dollar mit der Pflanze umsetzt, macht die Schokoladenindustrie zeitgleich 98 Milliarden.

Warum ist Tee nicht mehr aus der englischen Kultur wegzudenken? Tee, der aus Indien kommt. Der nicht ganz nach feiner britischer Art seit dem 18. Jahrhundert von indischen Kolonien bezogen wurde. „Darjeeling“ erzählt eben nicht nur die Geschichte von tiefen Aromen und herber Versuchung - sondern vor allem von kolonialer Ausbeutung.

"Ja gut - ist doch alles in der Vergangenheit.“ Ach - echt?

Was ist die Auslagerung von Produktionsstätten in Länder mit geringem Einkommen und hohem Hang zu Menschenrechtsverletzungen anderes, als Neokolonialismus? Wie zum Beispiel das Werk von VW in Xinjiang 2020. Nichts davon gehört? Genau das war die Absicht.

Wenn Profite auf Kosten von unterdrückten Menschen gemacht werden stellen sich weiterhin die Fragen: Welche Bedeutung haben die Kultur- und Statussymbole der Wohlstandsstaaten? Wessen Leben wurden und werden zu Gunsten von Machtstrukturen geopfert und wer zahlt noch immer den Preis der „zivilisierten Gesellschaft“? Und woher kommt dieser Drang nach Unterscheidung nach einseitig definierten Begriffen wie „zivilisiert“?


In den USA gibt es einen Monat für Schwarze Geschichte, den „Black History Month“. Seit 2014 gab es dazu auch in Deutschland Veranstaltungen. Weiße Geschichte wird das ganze Jahr gelehrt. Rassismus ist tief in dieser Geschichte, unserer Kultur, unserer Gesellschaft, ihren Machtstrukturen, der Ökonomie und unserem Alltag verwurzelt. So schlimm kann’s nicht sein? Die FU Berlin forschte 2013 in einer empirischen Studie nach der Diskriminierung ethnischer Gruppen in beziehungsweise durch die Politik. Dazu verschickten sie E-Mails an Abgeordnete, in denen Bürger der jeweiligen Wahlkreise angaben, ihren Wahlschein verloren zu haben und fragten ob es nötig wäre einen zu haben, um an der Wahl teilzunehmen. Dabei wurden zum Vergleich Mails von einem Absender mit türkischsprachig und deutschsprachig klingendem Namen versendet. "Sercan Özap“ und „Michael Stein“ verschickten also die exakt gleiche Mail an verschiedene Abgeordnete. Das Ergebnis war, dass durchschnittlich 75% der E-Mails des türkischen Alias beantwortet wurden. Hingegen 84% des deutschen. Diese 9% Unterschied, bringen zum Vorschein, wie tief das Problem liegt. Selbst Wähler:innenstimmen sind nicht Anreiz genug, die internalisierten diskriminierenden Mechanismen zu überwinden - ob bewusst oder unbewusst. Rassismus ist überall - und wer weiß ist, profitiert davon, ob man es wahrhaben will, oder nicht.


Ja, obwohl man bei jeder Demo mitläuft und jeden progressiven linksautonomen Sticker am Kühlschrank kleben hat - sorry.

Wir alle wachsen in einer rassistischen Gesellschaft auf - wir alle haben ihre Mechanismen verinnerlicht. Keine:r kann sich von den eigenen Rassismen freisprechen. Es ist unangenehm. Und das muss es auch sein. Je weiter links wir uns selbst einordnen, umso unangenehmer ist es, sich einzugestehen, dass auch wir nicht frei von diesen Mechanismen ist. Ja, obwohl man bei jeder Demo mitläuft und jeden progressiven linksautonomen Sticker am Kühlschrank kleben hat - sorry.

Wenn du eine Straße entlang läufst und dir eine Schwarze Person entgegenkommt - fällt sie dir auf? Mehr als die übrigen mehrheitlich weißen Personen? Ist es, weil sie aus dem normativ weißen Bild fällt? Ist es, weil du ahnst, welche Schwierigkeiten diese Person haben muss, wenn selbst dir der „Unterschied“ so schnell ins Auge sticht? Oder ist es, weil du genau weißt, dass die Gesellschaft nicht den Unterschied als Unterschied sieht, sondern die Werte, die sie darauf projiziert? Hast du Mitleid? Beobachte dich. Reflektier was passiert. Und sei ehrlich.

Diese Wertung geschieht nicht seit gestern, oder seit unserer Großelterngeneration.

Es ist wichtig die Unterschiede zu sehen, um zu erkennen, dass diese Unterschiede der Grund für Diskriminierung sind. Unterschiede an sich, sind etwas wunderschönes. Unerschöpflich in ihren Formen und Möglichkeiten, die sich aus ihnen ergeben. Aber es ist die Wertung, die diese Unterschiede zu etwas Grausamen machen kann. Diese Wertung geschieht nicht seit gestern, oder seit unserer Großelterngeneration. Sie setzt schon viel früher an. Und wie der Kolonialismus uns zeigt, ist sie nicht nur mit einem ethischen Wert verbunden.


Jedes Mal, wenn Jobs und Wohnungen an Namen, statt Menschen gehen, holt uns die Geschichte ein. Eine Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin zeigte, dass bei gleicher Qualifizierung 60% der deutschen Bewerber:innen eine positive Rückmeldung - doch nur 51% der migrantisch erkennbaren. Besonders auffällig war dabei die Unterscheidung unter den ausländisch klingenden oder aussehenden Bewerber:innen. Besonders benachteiligt wurden dabei Personen, die afrikanische Wurzeln vermuten ließen.

Wir haben die kollektive Verantwortung solche Ungerechtigkeiten zu sehen. Nicht nur das. Wir müssen aktiv danach suchen, um sie in diesen Momenten zu benennen. Gerade, wenn wir nicht Leidtragende davon sind. Hast du mal versucht verwundet zu kämpfen? Ist gar nicht so leicht. Deshalb braucht es Verbündete, die den Kampf aufrecht erhalten, wenn einem selbst gerade die Kraft fehlt.


Wir müssen unsere Geschichte kennen, um zu erkennen, wer sie uns erzählt hat. Und wessen Geschichte nie erzählt wurde, um die „Gewinner“ nicht als die Bösen zu entlarven. Wir müssen lernen, welche Machtstrukturen sich über Jahrhunderte etabliert haben, um zu lernen, wie wir diese auflösen, für eine ganzheitlich freiere Gesellschaft. Und schließlich müssen wir darüber reden und nicht darauf warten, dass uns jemand davon erzählt.


„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ - Karl Marx

Unsere vorgefundenen und überlieferten Umstände sind festgefahrene, durch Kolonialismus und Nationalsozialismus geformte Strukturen, die wir aufrütteln müssen. Weiße Geschichte darf nicht länger ohne die dazugehörige Schwarze erzählt werden - denn ohne sie, sehen wir nicht die Schattenseiten. Sobald wir den Ursprung, die Zusammenhänge und Mechanismen sehen, beginnen wir sie überall zu erkennen. Dann können wir auch unsere erlernten Muster entlernen und sind in der Lage ein neues Mindset aufzusetzen. Wir sind gerade dabei die Geschichte weiter zu schreiben. Und ich hab echt kein Bock ein weiteres Kapitel an rassistische Kackscheiße zu verschwenden.



Quellen:

https://ebooks-fachzeitungen-de.ciando.com/img/books/extract/379653693X_lp.pdf „Future Food - Die Zukunft der Welternährung“, S. 38/45


https://www.ijhsss.com/files/Aritra-De_v91qs4nv.pdf


https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/uiguren-unterdrueckung-china-werk-schaedigt-ruf-von-vw-der-konzern-wehrt-sich-nun-gegen-vorwuerfe/26617626.html?ticket=ST-394118-I2bIax0rfDr2jaHgR6WI-ap4


https://de.wikipedia.org/wiki/Black_History_Month


https://www.polsoz.fu-berlin.de/soziologie/arbeitsbereiche/emotionen/team/Professur/preprints/Hess-Scheve-Zittlau_EthischeDiskriminierungBundestag_preprint.pdf


https://www.deutschlandfunk.de/wzb-studie-ethnische-diskriminierung-bei-der-jobsuche.680.de.html?dram:article_id=419625


Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852). Zitiert nach: MEW Bd. 8, S. 115


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