Die Ressource Mensch

Aktualisiert: März 24

Wie tragbar ist der Begriff Human Resources heute noch?

Foto @jontyson


Wenn man mit Humankapital plant, sollte man beachten, dass es schnell mal zu Fehlkalkulationen kommen kann. Zwar existiert ein Mensch theoretisch 24 Stunden am Tag, ist aber nur eine begrenzte Menge dieser Zeit einsatzfähig. Behaupten zumindest einige. Mit ein wenig Pizza hier und ein bisschen Taxigeld da, lässt sich sowas aber leicht regulieren und die Einsatzzeit entsprechend expandieren. Man kann es sich vorstellen, wie bei einem Tamagotschi: Sind die Grundbedürfnisse (Nahrung, Behausung alias Meetingraum) gedeckt, kann man ihn im Prinzip immer aufrufen – wenn da nicht diese elende Psyche wäre. Also stellt sich mir die Frage: Wie tragbar ist der Begriff Human Resources im Jahre 2021 noch?


Die Planung und Spekulation mit menschlicher Arbeitskraft als Kapital geht auf die frühe Industrialisierung zurück. Arbeitstage von 12-16 Stunden, eine hohe Krankheitsrate durch widrige Arbeitsbedingungen und eine akkordhafte Arbeitsstruktur, von der die Arbeiter nicht direkt profitieren. Dazu unsichere Einstellungsverhältnisse, durch hohe Fluktuation und Austauschbarkeit. Klingt irgendwie vertraut, oder? Nun, was Fabrikbesitzer im 18. Und 19. Jahrhundert für sich und ihren Geldbeutel entdeckten, den gezielten Einsatz und die Ausbeutung von Humankapital, hat das heutige Arbeits- und vor allem Agenturwesen modernisiert. Die Begriffe sind schöner, der Umgang miteinander familiärer und die Hierarchien so flach, wie die Gehaltserhöhungen nach einer bestandenen Probezeit. Wenn überhaupt.


Damit hätten wir den zornigen Teil abgeschlossen. Nun der versöhnliche. Warum mich diese Umstände so wütend machen? Weil die Agentursphären, in denen sie entstehen, derart unwirkliche kreative Schönheit in sich tragen, dass es für mich unerträglich war, zu sehen, wie sie durch zeitliche Fehlplanung und ein falsches Verständnis von „Human Resource“ zerstört werden. Denn ebenso wie all die erschöpflichen fossilen Ressourcen, wie Kohle, Erdgas und -öl, sind auch kreative Energien endlich, wenn man sie bis zum Versiegen abpumpt.


Wenn wir also Menschen schon wie Ressourcen betrachten wollen, dann sollten wir sie wie ebendiese endlichen, wertvollen Stoffe sehen. Das Agenturwesen wurde, wie unser Energiesystem, auf erschöpflichen, fragilen Quellen aufgebaut. Um sie zu bewahren und unsere Arbeitswelt zu einer nachhaltigeren zu machen, müssen wir auf sie Acht geben und den bisherigen Umgang verändern. Wie spätestens jetzt auffällt, hinkt der Vergleich, da es keine Option ist, sie durch andere Quellen zu ersetzen. Doch sie können, wie Wind und Solar, natürlich eingesetzt werden. Entsprechend eines menschlichen Biorhythmus, statt eines fiktiven Exceltimings. Die Arbeit sollte dem Leben dienen und nicht andersrum. Denn so schön unsere Arbeit auch ist, so unwichtig ist sie auch.


„Ein Arzt etwa muss eine Operation zu Ende führen, auch wenn er eigentlich längst »Feierabend« hätte. Die Projekte einer Werbeagentur haben einen festen Abgabetermin, was in der Endphase von Projekten zu Nachtschichten führen kann.“ (Joas, 2020, S. 634)

Erstaunlich, wie wir vergessen, dass alles Bestehende von uns erschaffen wurde und ebenso von uns verändert werden kann. Denn entgegen dieses Vergleichs, wage ich zu behaupten, dass unsere Timings vom Menschen gesetzt sind und realistisch, statt maximal gewinnbringend und ressourcenerschöpfend berechnet werden können, anders, als es sich bei einer geplatzten Zyste verhält, die tatsächlich nicht warten kann. Sollten Kunden sich jedoch wie Zysten verhalten, ist es vielleicht ratsam, sie ebenso aus dem Portfolio zu schneiden.

Quellen:


Joas, Hans/Steffen Mau (2020): Lehrbuch der Soziologie, 4., vollständig überarbeitete., Frankfurt am Main, Deutschland: Campus Verlag.


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